ÖSTERREICHISCHE NORDWESTBAHN

 

Am 26. Juli 1870 wurde die „K.k. priv. Oesterreichische Nordwestbahn“ ÖNWB gegründet, um Wien über Stockerau, Hollabrunn, Retz und Znaim mit Jungbunzlau zu verbinden

 

Schon Ende der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts kam die Idee auf, eine Eisenbahnverbindung zwischen Wien und Iglau und weiter nach Kolin oder Pardubitz zu errichten. Erst am 8. September 1868 wurde die Konzession für eine Lokomotiv-Eisenbahn mit der Bezeichnung „Österreichische Nordwestbahn“ von Wien über Znaim nach Jungbunzlau mit Zweiglinien erteilt. Am 26. Juli 1870 wurde die „K.k. priv. Oesterreichische Nordwestbahn“ gegründet.

 

Schon 1895 wollte der Staat die ÖNWB übernehmen, doch die Verstaatlichung verzögerte sich immer wieder. Erst am 15. Oktober 1909 übernahm die Staatsbahn die Betriebsführung.

 

Vorgeschichte

 

Auf Vorschlag des Direktors der Nordbahn (Raphael Foges) wurde eine Flügelbahn von Floridsdorf nach Stockerau errichtet. Am 30. Oktober 1838 erhielt die „Kaiser-Ferdinands-Nordbahn“ die Vorkonzession für diese Linie. Am 26. Juli 1841 befuhr ein Zug mit der Lokomotive „Patria“ erstmals die eingleisige Strecke nach Stockerau.

 

Nordwestbahnhof Wien

 

Nach Plänen von Wilhelm Bäumer wurde durch Theodor Reuter auf einem Teil des Augartens der Nordwestbahnhof erbaut. Erschwert wurden diese Arbeiten durch das sumpfige Gelände, das bis zu vier Meter hoch mit Erde angeschüttet werden musste. Das Erdreich wurde mit einer eigenen Feldbahn über den Donaukanal von Heiligenstadt her antransportiert.

 

An der Abfahrtsseite des Bahnhofsgebäudes befanden sich allegorische Figuren, welche die wichtigsten mit der neuen Bahnlinie erreichbaren Städte darstellen sollten. Sie stammten von Franz Melnitzky.

 

Der Maler Hermann Burghart gestaltete den Wartesalon der 1. Klasse aus. Die Bildhauer Franz Schönthaler und Rudolf Winder waren im Hofsalon tätig.

 

Der von einer Wahlveranstaltung in Stockerau zurückkehrende sozialdemokratische Politiker Franz Schuhmeier wurde am 11. Februar 1913 von Paul Kunschak aus politischen Gründen in der Bahnhofshalle erschossen.

 

Aus Einsparungsgründen wurde wegen der gesunkenen Fahrgastzahlen am 1. Februar 1924 die Personenabfertigung im Nordwestbahnhof eingestellt und in den Nordbahnhof verlegt.

 

Die nutzlos gewordene Bahnhofshalle wurde für Ausstellungen, politische und sportliche Veranstaltungen genutzt. Sogar Schi fahren konnte man auf einer schneebedeckten schiefen Ebene. Nach der Eröffnung des „Schneepalasts“ wurde auf den Wiener Bürgermeister Karl Seitz ein Pistolenattentat verübt, das dieser und seine Begleiter aber unverletzt überstanden. Auch als Abstellhalle für nicht gebrauchte Lokomotiven musste die Halle herhalten.

 

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich hielt am 26. März 1938 Hermann Göring hier eine Rede. Adolf Hitler und Joseph Goebbels folgten gemeinsam mit anderen NS-Spitzenpolitikern am 9. April 1938. Die Antisemitische Ausstellung „Der ewige Jude“ bildete den Auftakt für die Judenverfolgungen.

 

Während des Krieges nutzte die Wehrmacht als Lager. Um den Nordbahnhof zu entlasten, forderte die Deutsche Reichsbahn am 12. Dezember 1942 den Bahnhof zurück und setzte ihn provisorisch wieder instand. Am 1. November 1943 konnte der Personenverkehr zwischen dem Nordwestbahnhof und Jedlersdorf wieder aufgenommen werden.

 

Durch Bombenangriffe wurde der Nordwestbahnhof schwer beschädigt.

 

1959 war die Nordbahnbrücke wieder hergestellt und der neue Bahnhof Praterstern wurde provisorisch in Betrieb genommen. Das führte dazu, dass die Personenabfertigung auf dem Nordwestbahnhof mit 31. Mai 1959 endgültig eingestellt wurde.

 

Das Gelände des Nordwestbahnhofs wurde zu einem modernen Güter- und Containerterminal mit Krananlagen und Lagerhäusern ausgebaut. Am 29. September 1974 wurde die Elektrifizierung der Gleisanlagen auf dem Bahnhof und der Zufahrtsgleise in Betrieb genommen.

 

Nordwestbahnbrücke Wien

 

Der Bau der eingleisigen und 810 Meter langen Nordwestbahnbrücke war abhängig von den endgültigen Plänen für die Regulierung der Donau. Errichtet wurde sie zwischen 1870 und 1872 nach Plänen von Baudirektor Wilhelm Hellwag und Oberinspektor Eduard Gerlich.

 

Ein Eisstoß nach Baubeginn war dann so stark, dass einer der Brückenpfeiler der eingleisigen Brücke so schwer beschädigt wurde, dass er neu errichtet werden musste.

 

Wegen des stark gestiegenen Verkehrsaufkommens wurde sie später umgebaut und ging am 24. November 1909 zweigleisig in Betrieb. Das ältere der beiden Gleise wurde 1924, nachdem die Personenabfertigung im Nordwestbahnhof eingestellt worden war, stillgelegt. 1930 wurde es, nachdem ein Schnellbahnprojekt nicht zustande gekommen war, abgetragen.

 

Von den durch die Deutsche Wehrmacht bei ihrem Rückzug aus Wien gesprengten Brücken war sie am leichtesten wieder herzustellen, so dass sie am 25. August 1945 wieder in Betrieb genommen werden konnte. Sie nahm auch den Verkehr der Nordbahn und der Kaiser-Franz-Josefs-Bahn auf.

 

Nach der endgültigen Stilllegung des Nordwestbahnhofs wurde die Nordwestbahnbrücke in eine Straßenbrücke umgebaut und ist jetzt als Nordbrücke bekannt.

 

Strecke in Österreich

 

Aufgrund der bereits von der Nordbahn errichteten Eisenbahnstrecke FloridsdorfStockerau war der Bau einer eigenen Linie in diesem Abschnitt unrentabel und so bemühte sich die ÖNWB um den Kauf dieser Strecke. Der Kaufvertrag wurde am 21. August 1871 geschlossen und ab 1. November 1871 führte die ÖNWB den Betrieb auf dieser Teilstrecke.

 

Bereits in der Konzession war der Baubeginn mit 8. September 1870 festgelegt. Die Baubewilligung wurde

 

*für den Bahnhof Wien mit14. August 1869

 

*für die Strecke WienJedlersdorf mit 24. April 1870

 

*für die Strecke StockerauZellerndorf mit 8. September 1870

 

*für die Strecke Zellerndorf – Grenze bei Unterretzbach mit 21. September 1870 erteilt.

 

Der Streckenbereich von Stockerau nach Znaim wurde am 1. November 1871 in Betrieb genommen werden. An diesem Tag übernahm die ÖNWB auch – wie schon beschrieben – den Betrieb auf dem von der Nordbahn erworbenen Abschnitt FloridsdorfStockerau.

 

Mit Inbetriebnahme der Strecke Wien-NordwestbahnhofJedlersdorf war die Strecke von Wien bis Znaim durchgehend befahrbar. Nach der Fertigstellung der Güteranlagen am Nordwestbahnhof in Wien wurde am 1. Juli 1872 der Gesamtbetrieb (Personen- und Frachtverkehr) aufgenommen.

 

1874 errichtete die ÖNWB als Anschluss an die Donauschifffahrt vom Bahnhof Korneuburg eine Abzweigung zur Donaulände bei Korneuburg mit eigenem Bahnhof. Die endgültige Inbetriebnahme erfolgte am 22. September 1874.

 

1890 wurde in Wien einen Anschluss an das Eisenbahnnetz der Staatsbahnen hergestellt.

 

Mit der Errichtung von Sicherungsanlagen konnte die Durchgangsgeschwindigkeit in den Bahnhöfen erhöht werden. Aus diesem Grund wurden zwischen 1884 (Spillern) und 1895 (Hetzmannsdorf-Wullersdorf]]) mit mechanischen Stellwerken ausgerüstet. Der Nordwestbahnhof selbst folgte im Jahr 1909.

 

Da der Zugsverkehr immer mehr zunahm, wurde bald ein zweites Gleis nötig. Ende 1898 wurde erstmals eine entsprechende Baubewilligung für den Abschnitt Wien – Stockerau erteilt. Der Baubeginn wurde jedoch immer weiter hinausgeschoben. 1904 wurde das zweite Gleis dann zwischen Wien und Znaim kommissioniert und im Juli des gleichen Jahres wurde zwischen Wien und Stockerau mit den Arbeiten begonnen. Der Rest der Strecke wurde eingleisig belassen. Ab 1. Mai 1908 wurde auf dem neuen Gleis der Vollbetrieb aufgenommen.

 

Am 4. Oktober 1904 wurde die „Lokalbahn Absdorf – Stockerau“ eröffnet.

 

Die in Retz abzweigende „Lokalbahn Retz – Drosendorf“ wurde am 21. Oktober 1910 eröffnet. Am 10. Juni 2001 wurde der Personenverkehr auf der gesamten Strecke und der Frachtverkehr zwischen Weitersfeld und Drosendorf eingestellt.

 

1916 wurde der Bahnhof Jedlersdorf großzügig ausgebaut und die Einbindung der Stammersdorfer Lokalbahn vorbereitet. Dieses Vorhaben wurde aber nie realisiert. Die Verbindung vom Bahnhof Jedlersdorf zurLadestelle Leopoldau an der Nordbahn wurde zwischen Mai und November des gleichen Jahres errichtet und ist als Floridsdorfer Hochbahn oder „Italienerschleife“ bekannt.

 

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges sanken die Zugzahlen und die nachfolgende Wirtschaftskrise zwang die Bundesbahnen zum Rationalisieren. Eine Gesetzesänderung im Jahr 1922 machte den Abbau von mindestens 56 Schrankenanlagen und der zugehörigen Schrankenwärter möglich.

 

Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Bahnhof an der Donaulände von Korneuburg kräftig ausgebaut. Eine Verbindungsschleife zwischen Nordwestbahnhof und Nordbahnhof wurde zwar am 26. Jänner 1945 in Auftrag gegeben, aber nie fertig gestellt.

 

Die politischen Veränderungen in der Tschechoslowakei führten am 18. Mai 1952 zu einer Einstellung des Personenverkehrs über Retz hinaus.

 

Am 17. Jänner 1962 wurde gleichzeitig mit der Schnellbahn auf dem Abschnitt FloridsdorfStockerau der elektrische Betrieb aufgenommen. Dadurch wurde es aber auch notwendig, zwischen Floridsdorf und Jedlersdorf ein zweites Gleis zu errichten. Dieser Ausbau erfolgte am 5. Mai 1969.

 

Am 27. Mai 1979 wurde der elektrische Betrieb bis Hollabrunn aufgenommen.

 

Die Ortschaft Platt erhält am 27. September 1981 eine Haltestelle.

 

Erstmals seit 1952 verkehrte am 16. Dezember 1989 wieder ein Personenzug zwischen Retz und Znaim. Der planmäßige Personenverkehr zwischen den beiden Städten wurde am 26. Mai 1990 aufgenommen.

 

Am 25. September 1993 wurde der elektrische Betrieb auf der Nordwestbahnstrecke bis Retz aufgenommen.

 

Das Buch beendet seine Beschreibung in Unterretzbach, doch die Gleise führen weiter…

 

 

Literatur

 

Peter Wegenstein: „Die Nordwestbahnstrecke“ (Verlag Peter Pospischil, Wien)

 

 

Diesen Text habe ich schon auf WIKIPEDIA veröffentlicht, unterdessen hat sich die Geschichte der Österreichischen Nordwestbahn aber wesentlich ausgeweitet. GuentherZ

 

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