INTERNIERUNGSLAGER DROSENDORF AN DER THAYA

 

Das Internierungslager Drosendorf an der Thaya bestand während des Ersten Weltkriegs und diente der Aufnahme von Zivilpersonen aus Staaten, die mit Österreich-Ungarn Krieg führten.

 

Planung

 

Schon vor der Mobilmachung am 31. Juli 1914 wurde vom k.k. Ministerium des Inneren und dem k. u. k. Kriegsministerium über die künftige Behandlung von ausländischen Zivil- und Militärpersonen, die sich in der Donaumonarchie aufhielten und deren Heimatstaaten mit Österreich-Ungarn den Krieg erklärt hatten, beraten.

 

Es erging an alle Landesverwaltungen die Weisung, alle geeigneten Orte für ein Internierungslager zu melden.

 

Als Ersatz für das ursprünglich genannte Stift Geras bot der Bezirkshauptmann von Horn den Schüttkasten von Drosendorf an der Thaya an. Dieser lag ein wenig außerhalb der Stadt Drosendorf an der Straße nach Zissersdorf und nur wenige Gehminuten vom Bahnhof der Lokalbahn Retz-Drosendorf entfernt. Allerdings war er für Wohnzwecke nicht geeignet. Die Gutsverwaltung Hoyos bot an, die entsprechenden Adaptierungen gegen Kostenersatz durchzuführen.

 

1914 bis 1915

 

Ende August 1914 traf der erste Transport von 80 Internierten in Drosendorf an der Thaya ein und diese begannen mit den Arbeiten.

 

Die Fenster des wuchtigen Getreidespeichers waren zwecks der besseren Durchlüftung nicht verglast, sondern nur vergittert. Jetzt wurden sie abgedichtet und Öfen aufgestellt. [[Stroh]] wurde aufgeschüttet, um Schlafplätze zu schaffen. Eine Küche wurde an den Schüttkasten angebaut und Toiletten errichtet. Das Areal um den Schüttkasten wurde umzäunt.

 

Trinkwasser stand nicht zur Verfügung. Dieses wurde in der ersten Zeit mit Fuhrwerken angeliefert, bis der von den Internierten gegrabene Brunnen das Lager mit Wasser versorgen konnte.

 

Für Frauen und Kinder wurde eine eigene Abteilung geschaffen. Diese wurde aber schon im Oktober wieder geschlossen, da die Frauen und Kinder nach Karlstein an der Thaya ins dortige Internierungslager verlegt wurden.

 

Am 5. September 1914 übernahm laut Weisung der Niederösterreichischen Statthalterei der Bezirkshauptmann von Waidhofen an der Thaya das Kommando über das Internierungslager.

 

Ursprünglich war eine Belegung mit ungefähr 1.700 Personen geplant gewesen, doch diese Zahl wurde auf etwa 650 reduziert, da der Dachboden des Schüttkastens als Wohnraum unbrauchbar war. Weiters mussten in dem Schüttkasten noch eine Wachstube, ein Marodenzimmer für Leichterkrankte und ein Isolierzimmer für Patienten mit ansteckenden Krankheiten eingerichtet werden.

 

Mitte November wurde an die Niederösterreichische Statthalterei und das Kriegsüberwachungsamt vom Bezirkshauptmann gemeldet, dass die Adaptierungsarbeiten abgeschlossen sind und die Unterkünfte den hygienischen Erfordernissen entsprechen. An diesen wurde bis Jänner 1915 keine weiteren Veränderungen oder gar Verbesserungen durchgeführt, dann aber wurden 15 Fälle von Flecktyphus festgestellt. Ein Übergreifen auf die Bevölkerung von Drosendorf konnte aber verhindert werden.

 

Für die Dauer der Desinfektionsarbeiten im Schüttkasten wurde eine Baracke als Quartier errichtet. Diese diente außerdem auch als Übernahme-, Kontumaz- und Evakuationsbaracke für alle von der Bezirkshauptmannschaft Waidhofen an der Thaya verwalteten Internierungslager. Der Bauplan für diese Baracke stammte von einem internierten Architekten, der auch bei der von Internierten durchgeführten Errichtung als Bauleiter fungierte. Noch in der ersten Hälfte des Jahres 1915 ging diese Baracke in Betrieb.

 

Im März 1915 erteilte die Bezirkshauptmannschaft Horn der Bezirkshauptmannschaft Waidhofen an der Thaya als Verwalterin des Internierungslagers Drosendorf im Bezirk Horn die wasserrechtliche Bewilligung zur Errichtung einer Wasserversorgungsanlage, die Ende Mai 1915 in Betrieb ging. Entnommen wurde das Wasser einem Brunnen an der Thaya, wurde von dort auf die Anhöhe, auf der sich das Lager befand, gepumpt und von dort in zwei Behälter geleitet, die auf dem Dachboden des Schüttkastens installiert worden waren. Einer dieser Behälter war beheizbar, um sowohl den Internierten als auch den Wachsoldaten als Waschwasser zu dienen.

 

Von dieser Wasserversorgungsanlage profitierte auch die Stadt Drosendorf. Deren Wasserleitung durfte an diese Anlage angeschlossen werden und erhielt das vom Lager nicht benötigte Wasser.

 

Zu Anfang 1916 ließ jedoch die Ergiebigkeit des Brunnens so stark nach, dass das Kriegsüberwachungsamt eine neue Wasserleitung gestattete. Diese ging im Juli des gleichen Jahres in Betrieb und versorgte auch das neu errichtete Lagerspital, das im Oktober 1916 in Dienst gestellt wurde.

 

Mai 1915 bis 1921

 

Mit der Kriegserklärung des Königreichs Italien an Österreich-Ungarn am 23. Mai 1915 erging ein Befehl zur teilweisen Räumung der Internierungslager der Bezirkshauptmannschaft Waidhofen an der Thaya, um Platz für die neu zu internierenden „Reichsitaliener“ in einer Größenordnung von 1.500 bis 2.000 Personen zu schaffen.

 

Das Lager in Drosendorf wurde noch im Mai evakuiert. Nur 50 bis 60 Internierte blieben zurück, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.

 

Um das Lager wie angeordnet zu vergrößern, mussten mit den Grundstückseigentümern und Pächtern der südlich des Schüttkastens gelegenen Grundstücke Pachtverträge geschlossen werden. Der Ertrag der nicht mehr eingebrachten Ernte wurde geschätzt und ebenso abgelöst wie der Ernteausfall der folgenden Jahre. Die Bauarbeiten begannen Ende Mai, Anfang Juni und dauerten bis Ende August des Jahres 1915.

 

Errichtet wurden vier Baracken mit angeschlossenen Latrinen für je 250 Personen, eine Waschbaracke mit einem Beobachtungsturm, eine Badeanstalt und eine Lagerkapelle. Im Falle des Auftretens von Infektionskrankheiten konnten in den Baracken eigene Badegelegenheiten eingebaut werden und die Baracken dadurch vom restlichen Lager völlig isoliert werden.

 

Der Schüttkasten wurde zur Nutzung durch die Lagerverwaltung umgestaltet. Im Erdgeschoß wurden eine Großküche, ein Speisesaal und eine Gelegenheit zum Abwaschen für das Essgeschirr eingebaut. Im ersten Stock wurden Wohnungen für in der Lagerverwaltung tätige Internierte errichtet. Im zweiten Stock wurden Kanzleien für die Lagerverwaltung eingerichtet, die teilweise im nahe gelegenen Schloss von Drosendorf untergebracht waren.

 

Bis zur Auflösung des Lagers im Jahr 1919 wurden kaum noch bauliche Änderungen vorgenommen.

 

 

Lagerspital

 

Anlässlich der Erweiterung des Internierungslagers Drosendorf im Jahr 1915 wurde eine südlich des Bahnhofs Drosendorf gelegene Villa angemietet, um dort das Lagerspital einzurichten.

 

Mitte August 1915 beschloss der Bezirkshauptmann von Waidhofen an der Thaya die Errichtung eines Krankenhauses, welches alle Schwererkrankten der von ihm verwalteten Internierungslager aufnehmen sollte. Dieses war als Ersatz für das im Internierungslager Grossau auf Grund des neuen Schlossbesitzers geschlossene Krankenhaus gedacht.

 

Errichtet wurde das Spital mit 60 Betten durch eine Firma aus Wien, als Bauarbeiter fungierten Internierte aus dem benachbarten Lager. Am 18. Oktober 1916 wurde das Spital durch den Stadtpfarrer von Drosendorf, Ludolf Rudisch, eingeweiht. Am gleichen Tag fand unter der Leitung des Bezirksarztes von Waidhofen an der Thaya, Dr. Bruno Langbank, die erste Operation statt.

 

Belegung

 

Ursprünglich war das Internierungslager Drosendorf hauptsächlich mit Engländern, Franzosen, Russen und Serben belegt und nicht, wie die meisten Kriegsgefangenlager nach Nationen getrennt. Nach der Neubelegung im Jahr 1915 fanden sich hier allerdings fast nur noch Italiener, allerdings waren auch die übrigen Nationen weiterhin vertreten.

 

Wie aus Berichten der Bezirkshauptmannschaft Waidhofen an der Thaya hervorgeht, wurde diese gemischte Belegung als Vorteil empfunden, denn wegen der zahlreichen sich daraus ergebenden Reibereien waren die Internierten leichter unter Kontrolle zu halten. Ob damit auch ein gegenseitiges “Vernadern“ gemeint war, ist nicht bekannt, aber anzunehmen.

 

Reibereien ergaben sich zwischen den einzelnen Nationalitäten, durch Standesunterschiede und Religionskonflikte. Lediglich jüdische Internierte wurden im Internierungslager Markl zusammengelegt, um die koschere Ernährung zu erleichtern.

 

Allerdings konnten sich diese Reibereien auch zu handfesten Auseinandersetzungen auswachsen. So ist ein Fall bekannt, in dem ein Lagerinsasse bei einer Auseinandersetzung einen Anderen tötete und einen Weiteren schwer verletzte. Er wurde in einem Zivilgerichtsprozess zu einer Haftstrafe verurteilt, wo er verstarb.

 

Konfinierung

 

Zusätzlich zum Internierungslager Drosendorf wurden in Drosendorf und Drosendorf-Altstadt ab Anfang 1915 auch noch etwa 100 finanzkräftige Personen konfiniert. Finanzkräftig deshalb, da die auf diese Art Internierten für die Unterkunft in Privatqurtieren und Verpflegung selbst aufkommen mussten. Außerdem durfte bei ihnen kein Fluchtrisiko bestehen. Innerhalb eines bestimmten Bereichs und zu bestimmten Zeiten durften sie sich frei bewegen, mussten ihre Mahlzeiten daheim einnehmen und sich zu bestimmten Zeiten bei einer Aufsichtsperson melden.

 

Beschäftigung

 

Internierte wurden genau so wie Kriegsgefangene zu Arbeiten herangezogen. Diese Arbeiten wurden nicht nur im Nahbereich des Lagers selbst vorgenommen (so wie der erwähnte Brunnenbau, die Errichtung der zusätzlichen Lagerbaracken oder das Lagerspital), sondern auch Hilfsarbeiten bei Bauern und Handwerkern der Umgebung. Internierte aus Drosendorf waren aber auch über ganz Niederösterreich und Wien (welches damals noch zum Land Niederösterreich gehörte) verteilt.

 

Im Jahr 1917 renovierten Internierte aus Italien die Pfarrkirche von Drosendorf.

 

Bela Kun

 

Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Räterepublik in Ungarn flüchtete Bela Kun nach Österreich, wo er mit seinen Anhängern interniert wurde.

 

Anfang Juli trafen die ersten Ungarn in Drosendorf ein, um hier im Lager einquartiert zu werden. Dies löste jedoch großen Unmut in der Bevölkerung aus, besonders unter den Landwirten, die ihren Grund und Boden wieder bewirtschaften wollten.

 

Ende August 1919 wurde Bela Kun mit seinen Anhängern nach Schloss Karlstein an der Thaya verlegt.

 

Auflösung

 

Nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes am 3. November 1918 war das Lager am 7. November 1918 verlassen. Die österreichischen Wachsoldaten waren desertiert und die Internierten hatten ebenfalls die Heimreise angetreten. Zurück blieben nur der Lagerverwalter und Verwaltungspersonal.

 

Zurückgebliebene und brauchbare Lagerbestände wie Kleidung und Brennmaterial, aber auch Lebensmittel sollten der Not leidenden Bevölkerung zu Gute kommen. Allerdings entbrannte ein heftiger Kampf um diese Verteilung. Drosendorfer Bürger, die Bezirkshauptmannschaft Waidhofen an der Thaya als Lagerverwalterin und auch die Bezirkshauptmannschaft Horn als für Drosendorf an der Thaya zuständige Verwaltungsbehörde stritten gemeinsam mit der neu aufgestellten Volkswehr um die Zuständigkeit, die schließlich mit einem Kompromiss gelöst wurde.

 

Die Einquartierung von Bela Kun und seiner Gruppe verzögerte die Auflösung des Lagers und so erfolgte die Übergabe des Internierungslagers an die Hauptanstalt für Sachdemobilisierung erst am 25. November 1919, während das Lagerspital der Stadt Drosendorf zur treuhändigen Verwaltung übergeben wurde.

 

Im Sommer 1920 wurde das Lager endgültig aufgelöst.

 

Weblink  

 

Internierungslager Drosendorf – Fotos

 

 Ich erlaube mir, diese Geschichte auch in WIKIPEDIA zu veröffentlichen (GuentherZ)

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